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subsolar – Erstlingswerk dank Europan

Als europäischer Nachwuchs-Wettbewerb für Architektur und Städtebau bietet Europan jungen Architekten regelmäßig die Chance, innovative Ideen für reale Orte zu entwickeln und zu präsentieren. In insgesamt 22 europäischen Ländern werden alle zwei Jahre städtebauliche und architektonische Konzepte erarbeitet und, so beabsichtigt es der Auslober zumindest, auch realisiert. Prämierte Teams erhalten im Idealfall Unterstützung bei der Umsetzung erster größerer Bauvorhaben und können sich durch eine erfolgreiche Teilnahme europaweit einen Namen machen.

In diesem Jahr findet der Wettbewerb bereits zum 11. Mal statt. Unter dem Thema des Klimaschutzes wird beim Europan 11 der Schwerpunkt auf Energie und Umwelt gesetzt. Dieses aktuelle Thema soll bei der Entwicklung urbaner Räume im städtebaulichen wie architektonischen Kontext reflektiert werden.

Jetzt haben wieder junge Architekten aus aller Welt die Chance, innovative Ideen zu entwickeln und gegebenenfalls auch umzusetzen. Die ersten Vorarbeiten sind bereits abgeschlossen, und in diesen Tagen beginnt der Wettbewerb. Die Wettbewerbsarbeiten müssen spätestens am 30. Juni eingereicht werden, und im Januar des nächsten Jahres darf man sich dann über die Bekanntgabe der Ergebnisse freuen.

Als eine erfolgreiche Teilnehmerin aus dem Europan 9-Verfahren im Jahr 2007/08 ging Saskia Hebert hervor. Ihr prämierter Entwurf „Brücke & Tür“ ist das Ergebnis einer präzisen Analyse des Standortes in Spremberg. Aufgabe war es, den Bahnhof besser an die Innenstadt anzubinden und die schwach genutzten Flächen des Stadtparkes neu zu beleben. Saskia Hebert schlägt eine in den städtischen Kontext eingebundene Reihe kleiner Maßnahmen mit großem Wirkungskreis vor. So sollen vier neue Gebäude Wall, Steg, Passage, und Kegel den Georgenbergpark, den Festplatz, Stadtzentrum und den Bahnhof verbinden und sie aus ihrer Isolierung befreien. Die präzise platzierten Objekte schaffen trotz ihrer geringen Größe neue Raumerlebnisse und Bezüge, die den Bürger einladen, Grenzen zu überschreiten und neue Wege zu entdecken.

Saskia Hebert absolvierte 1996 Ihr Studium an der UdK Berlin. Im Jahre 2000 gründete sie zusammen mit Matthias Lohmann das Büro subsolar und arbeitete von 2001 bis 2008 parallel dazu als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Berlin. Die Realisierung des Europan-Wettbewerbs bot den beiden jungen Architekten dann ab 2008 die Möglichkeit, ihr Können unter Beweis und auf eine solide wirtschaftliche Basis zu stellen.

Einen Einblick in ihr Büro und Erlebnisse beim Europanwettbewerb schilderte mir Saskia Hebert in einem Interview.

(MN = Maria Neumann; SH= Saskia Hebert)

MN: Wie sind Sie auf Europan aufmerksam geworden?

SH: Den Wettbewerb kennen wir schon lange. Früher haben wir auch für Architekten gearbeitet, die schon in der ersten Runde gewonnen hatten, daher war Europan für uns immer ein Begriff.

MN: Welche Motivation gab es, an einem Ideenwettbewerb teilzunehmen?

SH: Der “Versuchsaufbau” bzw. der Ansatz von Europan ist doch hochspannend: Junge Leute, darunter natürlich auch blutige Anfänger, auf reale Kommunen und ihre nicht immer einfach zu lösenden Fragen loszulassen – und einen Realisierungsanspruch gibt es dabei ja eigentlich auch noch. Das klappt zwar nicht immer (was bei der Versuchsanordnung nicht weiter verwundern darf), aber wenn es klappt dann gibt es durchaus Potenzial für echte Innovationen.

MN: Werden Sie auch an den kommenden Europan- Wettbewerben teilnehmen?

SH: Wir würden sehr gerne wieder teilnehmen, haben mittlerweile aber leider die Altersgrenze überschritten!

MN: Welche Konsequenzen hat für Sie die erfolgreiche Teilnahme an dem Wettbewerb?

SH: Bei uns hat das Verfahren ja ganz vorbildlich funktioniert: Die Stadt Spremberg, deren Mut und Konsequenz ich hier ganz ausdrücklich loben möchte, hat mich als Preisträgerin unmittelbar nach der öffentlichen Präsentation der Wettbewerbsergebnisse mit der Realisierung eines Projektes beauftragt. Das war die Freilichtbühne, für deren Umbau und Sanierung sich die Stadt Fördergelder gesichert hatte – und deren Fertigstellung wir bereits letztes Jahr gemeinsam mit den Sprembergern und Sprembergerinnen feiern durften. Ein weiteres Projekt, das sich aus dem Europan ergab, ist der Bahnhofsvorplatz Spremberg, den wir ebenfalls umsetzen werden. Allerdings mahlen dort die Mühlen etwas langsamer, so dass wir uns hier erst in der Ausführungsplanung befinden.

MN: Aus welchem Anlass haben Sie ihr Büro gegründet?

SH: Unser Büro gibt es schon eine ganze Weile, aber erst seit dem Winter 2008/2009 arbeiten Matthias Lohmann und ich, also die beiden Partner, “hauptamtlich” hier. Seit Sommer 2009 sind wir hier in unserem Büro in der Pfarrstraße. Anlass für die Professionalisierung waren das Ende meiner wissenschaftlichen Mitarbeit an der TU Berlin und natürlich die Realisierung unseres ersten größeren Vorhabens, der Freilichtbühne, die uns das auch wirtschaftlich ermöglichte.

MN: Welche drei Projekte charakterisieren Ihr Büro gut und warum?

SH: Wir versuchen in der Bearbeitung unserer Projekte generell, eine genaue Analyse des Vorhandenen mit vermeintlich utopischen Ansprüchen zu konfrontieren – was für den Kunden gar nicht unbedingt zu höheren Kosten, auf jeden Fall aber zu einem Mehrwert führt. Dieser Mehrwert kann sich in zusätzlichen Funktionen, einer individuellen Typologie oder in der Verwendung innovativer Materialien ausdrücken – das hängt sehr vom jeweiligen Projekt und von den Prioritäten der dazu gehörigen Auftraggeber ab.

Das Projekt Brücke & Tür (Wettbewerb Europan 9) beinhaltet eine kompromisslose Entwurfshaltung, die innovative Typologien erzeugte: Kombinationen aus Land Art und Ingenieurbau, für die Architektur sicherlich ein eher ungewöhnlicher Ansatz.

Die Freilichtbühne Spremberg ist als Projekt aus diesem Wettbewerbsgewinn hervorgegangen. Nach Bauherrenwunsch sollte die bestehende Bühne aus den fünfziger Jahren modernen Anforderungen angepasst und ertüchtigt werden, gleichzeitig war aber ihr Charakter als Parkbühne in einem denkmalgeschützten Landschaftsraum zu bewahren. Das Ergebnis ist – baulich gesehen – eine Kreuzung aus Teepavillon und Flugzeughangar: Wir haben ein hölzernes Bühnenhaus errichtet, das dank einer großen Toranlage ganz unterschiedlichen Veranstaltungsformaten dienen kann und damit die größtmögliche Öffentlichkeit für diesen nahe der Innenstadt gelegenen Ort schafft.

Wir arbeiten aber in allen Projekten, ob es nun Realisierungsaufträge, temporäre Räume oder reine Forschungsprojekte sind, an der Schnittstelle zwischen Konzept und Situation, also immer mit einem starken kontextuellen Bezug, aber möglichst freiem Kopf für neue Ideen.

Wir finden es zudem sehr wichtig, dass Architekten sich (wieder) stärker ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen – das ist ja leider in letzter Zeit etwas aus der Mode gekommen, wie es scheint.

MN: Was bearbeiten Sie schwerpunktmäßig und bevorzugt?

SH: Wir machen eigentlich momentan buchstäblich alles – vom öffentlichen Raum bis zum Innenausbau, vom Wettbewerb bis zur Realisierung.

Vor allem reizt es uns, in vermeintlich aussichtslosen räumlichen Konstellationen (also dort, wo kein Geld, keine Ideen oder ein trauriger baulich-räumlicher Kontext vorzufinden sind) Chancen und Potenziale zu entdecken – was übrigens nicht immer heißt, dort in jedem Fall etwas bauen zu müssen.

MN: Was sind aus ihrer Sicht die Aufgaben der Gegenwart und Zukunft? Haben Sie als junges Büro andere Antworten darauf, als andere Büros?

SH: Die Aufgaben werden aus unserer Sicht vorallem in einem intelligenten Umgang mit dem baulichen Bestand liegen: Hier gilt es, einen Weg zu finden, der Vergangenes respektiert, ohne sentimental zu sein, und der Neues ermöglicht, ohne das Bestehende lächerlich zu machen.

Nicht zuletzt ist das Thema Nachhaltigkeit, im Kontext unserer Städte gesehen, auch ein räumliches: Hier wird, bei allem Verständnis für die (unbedingt notwendigen, aber leider recht einseitigen) Bemühungen, unseren Energieverbrauch zu reduzieren, zu wenig Wert auf die Atmosphäre, die Performanz oder die panoramatischen Qualitäten städtischer Räume gelegt.

MN: Haben Sie eine Bürophilosophie? Oder lehnen Sie das ab?

SH: Weder noch.

MN: Welches Buch schauen Sie gerade am meisten an?

SH: Die Frage ist interessant: Es gibt ja Bücher zum anschauen, zum reinschauen und zum lesen.

Anschauen tu ich sie am liebsten alle auf einmal, wenn sie gemeinsam nebeneinander im Regal stehen und um meine Aufmerksamkeit streiten.

Reinschauen tu ich gern in Architekturzeitschriften, in Kunst- und Fotobücher (Gerhard Richters “Atlas” ist zum Beispiel wunderbar) oder in Ausstellungskataloge.

Beim Lesen von Büchern muss man auch wieder unterscheiden, und zwar zwischen solchen, die einen ablenken und entspannen (die Abenteuerromane meiner Tochter zum Beispiel) und solchen, die einem etwas beibringen, wie zum Beispiel die “Phänomenologie der Wahrnehmung” von Merleau-Ponty, oder “Ortsverschiebungen, Zeitverschiebungen” von Bernhard Waldenfels.

Das Buch, mit dem ich mich allerdings gerade am meisten beschäftige, ist das erste, das ich selbst geschrieben habe: meine Dissertation über den „gelebten Raum“ und seine Bedeutung für die Praxis in Architektur und Stadtplanung, die ich hoffentlich in diesem Jahr veröffentlichen werde.

MN: Mit welchen anderen Planungsbüros arbeiten Sie zusammen?

SH: Wir arbeiten, wie vermutlich alle Architekten, mit Büros verschiedener Fachrichtungen zusammen, je nach Projekt: Landschaftsplaner, Stadtplaner, Akustiker, Elektroingenieure, Verkehrsplaner, Tragwerksplaner etc.

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