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Technologie als Treibstoff für Architektur…

… doch beim Klick auf die Website werden die spannenden Projektbilder erst einmal von Ankündigungen für Ausstellungen und Vorträge in den Hintergrund gedrängt. Das Aufrufen der Projekte zeigt dann allerdings, dass andere Technologien, als die des Webauftritts, im Vordergrund der Arbeit von Gramazio und Kohler Architekten steht.

Zur Untersuchung neuer Produktionsbedingungen haben sie bei ihrem Büro einen Industrieroboter aufgebaut. Diesen können sie mit den im Entwurf erstellten Daten ansteuern und so schon im Entwurf materialtechnische Aspekte untersuchen und für die Architektur nutzbar machen.

Drei Projekte und einige Antworten von Fabio Gramazio auf Fragen von archiverse zeigen, wohin der Treibstoff-Technologie führen kann.

Nachtaufnahme sWISH* by Gramazio und Kohler

Welche drei Projekte charakterisieren euer Büro gut und warum?

Ich würde dazu drei sehr unterschiedliche Projekte nehmen: den sWISH* Pavillon den wir im 2002 für die Schweizer Landesausstellung Expo.02 gebaut hatten, die Weihnachtsbeleuchtung der Bahnhofstrasse in Zürich und das kürzlich fertiggestellte Wohnhaus in Riedikon.

Beim sWISH* Pavillon, der unser erstes größeres Werk war, haben wir eine mystische, schwarze Box konzipiert, die eine weiche Außenhaut besaß. Unser Interesse galt der verfremdeten Materialität einer weichen Fassade, die ein besonderes, intensives haptisches Erlebnis der Architektur hervorruft. Gleichzeitig drückt dieser Bau auch unser Interesse für besondere konstruktive Lösungen aus. Wände und Decken im Innenraum wurden mit Holzplatten überspannt, die mit einem Muster aus Kugelbohrungen perforiert waren.

Akustikperforationen_und_Lichteinfall_by_Gramazio_KohlerDie Lochungen haben die weiche, thermische Isolation freigelegt und als akustischen Absorber für den Innenraum aktiviert. Was normalerweise mit dem Einbau einer zusätzlichen, spezialisierten Materialschicht bewerkstelligt wird, konnte durch diese Modifikation einer bestehenden Schicht gelöst werden und hat uns zusätzlich ein großzügiges Gestaltungsmittel, sozusagen gratis, verschafft. Diese Synthese verschiedener Anforderungen innerhalb einer Konstruktion ist ein konstantes Thema unserer Arbeit geblieben. Das gestalterische Potential dreidimensional konsistenten Ornamenten haben wir im Interference Cube (2003) und in der Fassade für das Weingut Gantenbein weiterentwickelt.

Bahnhofstrasse_Sicht_von_Uraniastrasse_by_Roman_KellerDas zweite Projekt, die Weihnachtsbeleuchtung für die Bahnhofstrasse in Zürich, ist eine immaterielle, dynamische und interaktive Architektur, die die technischen Möglichkeiten der digitalen Lichtansteuerung nutzt. Dies gibt uns die Möglichkeit, die zeitliche Dimension des Projektes aktiv zu thematisieren und mit dieser zu gestalten. Dieses Thema bildet die konzeptionelle Grundlage anderer urbaner Lichtprojekte unseres Büros. Der urbane Maßstab hat für uns viel mit Zeitlichkeit zu tun. Daher ist dieses Projekt ideal, unsere Haltung zu Eingriffen auf der der Ebene der Stadt zu zeigen. Das Projekt hat, was nicht unbedingt unsere primäre Absicht war, auch noch die tradierten Vorstellungen von weihnachtlicher Geborgenheit in Frage gestellt und dadurch wilde Polemiken losgetreten.

Beim dritten Projekt handelt es sich um das Wohnhaus in Riedikon, welches die Typologie der umliegenden Giebeldachhäuser neu interpretiert und  seine markante Gestalt durch die parametrische Anpassung der Form an den Kontext erhält. Unter zwei Bedingungen wurden mit geometrischen Operationen Grundrissform und Kubatur des Hauses ermittelt: Zum einen sollte die Sicht des Nachbargebäudes auf den See frei bleiben, zum anderen sollte die Zufahrt und die Parkierung hinter dem Haus ermöglicht werden. Wie ein Zelt überdeckt ein auskragendes Faltdach die überhohen Räume des Obergeschosses.

Riedikon_Fensterband_by_Gramazion_und_KohlerDas Fensterband, welches sich entlang des Dachrands entwickelt, unterstützt die horizontale Gliederung. 315 vertikale, senkrecht zur Wandfläche angebrachte Holzlatten umhüllen die Fassaden vollständig. Mittels Fräsungen wurden die Querschnitte der Latten im Bereich des Fensterbandes so moduliert, dass die Anforderungen an den Sicht- und Sonnenschutz erfüllt werden und sich verschiedene, weich ineinander fließende Transparenzgrade einstellen.

Was bearbeitet ihr Schwerpunktmäßig und bevorzugt?

Wir bearbeiten jedes Projekt, das uns Möglichkeiten zur Innovation gibt. Dies ist nicht immer einfach, jedoch ergibt sich meistens im Laufe der Projektentwicklung einen Ansatz der von der Bauherrschaft mitgetragen werden kann.

Aus welchem Anlass habt ihr euer Büro gegründet?

Wir haben das Büro Gramazio & Kohler mit dem Wille gegründet, die digitale Realität, deren Entwicklung wir in den 90er Jahren mit großem Interesse aktiv verfolgt hatten, mit den materiellen und räumlichen Praktiken der Architektur zusammenzuführen. Uns frustrierte die damalige, in unsere Augen künstliche, Unvereinbarkeit dieser Welten und wir waren von der Überzeugung getrieben, dass dank den Mitteln der digitalen Fabrikation diese zu einer architektonischen Einheit zusammengeführt werden könnten. Daraus sind dann die ersten Arbeiten entstanden…

Was sind aus eurer Sicht die Aufgaben der Gegenwart und Zukunft? Habt ihr als junges Büro andere Antworten darauf, als andere Büros?

Wir denken, dass es in Zukunft vermehrt darum gehen wird, dass Architekten den gesamten Bauprozess mitgestalten und diesen somit auch in ihre Entwurfslogik einbeziehen. Unsere Generation bekommt als erste die Gelegenheit die Konstruktion von Architektur vollständig digital zu beschreiben und dementsprechend computergesteuert maschinell zu bauen. Diese radikal veränderten Rahmenbedingungen werden, davon sind wir überzeugt, einen tiefgreifenden Einfluss auf die Architektur selbst haben, auf die Art und Weise wie wir sie denken und erleben. Diesen Prozess aktiv zu gestalten um nicht Opfer der neuen Technologien zu werden, gehört in den Verantwortungsbereich unserer Generation.

Habt ihr eine Büro_Philosophie? Oder lehnt ihr das ab?

Wenn Philosophie einen Bürostil meint, dann lehnen wir das ab. Unsere Bürophilosophie ist eher als eine Haltung zu verstehen, die uns antreibt, bei der Projektentwicklung immer wieder das Bekannte in Frage zu stellen und nach Lösungen zu suchen, die neuartige architektonische Qualitäten erzeugen können. Wir glauben, dass Technologie für die Architektur eine treibende Kraft ist. Dies geschieht aber nicht von alleine, und kann somit nicht den Technikern überlassen werden. Es geht vielmehr um einen kulturellen Prozess, der von uns Architekten vorangetrieben werden muss.

Welches Buch schaut ihr gerade am meisten an?

Kein spezifisches. Wir versuchen nicht im klassischen Sinne mit architektonischen Referenzen zu arbeiten, sondern die Projekte aus ihrer inneren Logik heraus zu entwickeln.

Mit welchen anderen Planungsbüros arbeitet ihr zusammen?

Wir arbeiten projektspezifisch mit unterschiedlichen Fachplanern zusammen, selten aber mit anderen Architekturbüros, weil die Themen meist sehr spezifisch sind. Bei gewissen Projekten waren Kollaborationen aufgrund einer klaren Aufgabenteilung und Komplementarität hingegen sehr fruchtbar. Ein Beispiel ist das Weingut Gantenbein in Fläsch, bei dem wir für das Gebäudes von Bearth & Deplazes die Fassade entworfen haben.

Was würdet ihr jungen AbsolventInnen mit auf den Weg geben?

Wir empfehlen unseren Studenten ihren eigenen Weg zu gehen. Die Architektur befindet sich in einer sehr spannenden Phase, in der viele Schnittstellen und somit das Berufsbild neu definiert werden. Wenn man sich als Planer auf diese Chancen einlässt und mit Selbstvertrauen auf die Innovationsmöglichkeiten zugeht, öffnen sich neue, manchmal überraschende Gestaltungsmöglichkeiten.

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Autoreninfo

Jan-Hendrik Thiele.
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