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Keine Panik, denn AllesWirdGut.

Dass man nicht immer auf bereits vorhandene Strukturen zurückgreifen muss, sondern als Architekt eigentlich alle Freiheiten hat, beweist das Team von AllesWirdGut immer wieder aufs Neue. Die Philosophie ist, ein sogenanntes Problem als eine Chance zu sehen und so unerwartete Potentiale zu schöpfen.

Wir fragten AllesWirdGut nach ihren Anfangsjahren, ihren Wettbewerbserfahrungen und der Arbeitsweise des Büros.

Zivilschutzzentrum in Innichen, Südtirol

AllesWirdGut ist ein junges Büro aus unserem Nachbarland Österreich. Es wurde 1999 von fünf Architekten gegründet, die sich an der Technischen Universität Wien kennenlernten. Vier der Partner sind heute noch dabei und können inzwischen auf ein Team von 12 Architekten und Mitarbeitern blicken.

Die Architekten arbeiten in unterschiedlichsten Maßstäben. – Von städtebaulichen Projekten, wie einer fast 90.000m² großen Wohnsiedlung in Bratislava über Büro- Wohn- und Gemeinschaftsbauten bis hin zu Shopdesigns und Wohnexperimenten auf einem Minimalraum von 12m².

Wir möchten euch das Büro, das in Deutschland noch weniger bekannt, in der Wiener Szene jedoch längst etabliert ist, vorstellen.

Das Emailinterview mit dem Büro führte Christina Sackmann.

Ihr habt das Büro im Mai 1999 gegründet, ohne vorher in anderen Büros gearbeitet zu haben. In Deutschland gehen der Einschreibung in die Architektenkammer zwei Anerkennungsjahre voraus. Erst dann kann sich ein Architekt selbstständig machen.

Wie war es euch möglich, das Büro so früh zu gründen?

alleswirdgut: Wir haben während des Studiums schon Erfahrungen gesammelt.

Berufsrechtlich ging das durch eine Mitgliedschaft in der Architektenkammer Bozen (Südtirol). Zwei von uns sind dort aufgewachsen und haben die Staatsprüfung und Kammermitgliedschaft unmittelbar nach Beendigung des Studiums erledigt. – In Italien werden keine Praxisjahre verlangt.

Wie war das für euch, einfach so ins kalte Wasser zu springen?

alleswirdgut: Wir haben das Büro mit einem Auftrag in der Tasche gegründet: Für das Projekt DOZ (ein Mehrzweckgebäude in Tirol) haben wir einen Wettbewerb gemacht und gewonnen und daraufhin das Büro gestartet.

Das Wasser war schon sehr kalt. Es war eine sehr stressige und sehr arbeitsintensive Zeit. Wir haben aber laufend weitere Aufträge über Wettbewerbe bekommen und konnten damit das Büro weiterentwickeln und ausbauen.

Eure Zusammenarbeit begann schon 1997. Wie verlief die Zeit bis zur Bürogründung und was hat euch letztlich dazu bewegt, ein eigenes Büro zu gründen?

alleswirdgut: Wir haben nicht alle gleichzeitig fertig studiert. Ein paar von uns waren noch auf der Uni, manche waren im Ausland und haben z.B. bei NL Architects gearbeitet. Von Holland aus haben wir auch den Wettbewerb fürs DOZ gemacht und gewonnen. Dann ging nur noch eine Bürogründung – wir konnten ja schlecht sagen, dass wir zwar den Wettbewerb gemacht haben, aber das Projekt nicht bauen wollen.

Würdet ihr diesen mutigen Schritt zur frühen Selbstständigkeit auch den jetzigen Studentinnen und Studenten empfehlen? Welche Eigenschaften sollte man mitbringen?

alleswirdgut: Das war bei uns, wie gesagt, eher nicht so geplant. – Wir hatten nicht damit gerechnet, dass wir den ersten Wettbewerb gleich gewinnen. Ein paar Jahre Erfahrung in einem guten Büro, nicht nur mit Wettbewerben, sondern auch mit Umsetzung und Ausführungsplanung, ist aber sicher gut und erleichtert auch eine Bürogründung.

Man sollte damit rechnen, am Anfang sehr viel für sehr wenig Geld zu arbeiten, aber unbedingt darauf achten, sich nicht zu billig zu verkaufen. – Was nichts kostet ist nichts wert. – Auch in den Augen von Auftraggebern.

Um nach einem gewonnenen Wettbewerb das Projekt auch tatsächlich bauen zu können, werden einige Fachplaner benötigt. Habt ihr anfangs mehr Aufgaben abgeben müssen, für die inzwischen Fachkräfte im eigenen Büro sitzen?

alleswirdgut: Wir hatten eine sehr gute Ausbildung, welche auch in Richtung Ausführung ging, außerdem parallel zu unserem Studium schon einige Erfahrungen gesammelt. Die Architektenleistungen wurden somit bereits am Anfang von uns selbst abgedeckt. Klassische Fachplanerleistungen (z.B. Statik, Haustechnik etc.) werden auch nach wie vor nicht von unserem Büro abgedeckt. Im Fall von Generalplaneraufträgen vergeben wir Subaufträge an Fachplaner.

Wird den Studenten in Österreich mehr „praktisches Wissen“ mit auf den Weg gegeben als beispielsweise in Deutschland, so dass ihnen der Berufseinstieg leichter fällt?

alleswirdgut: Unsere Ausbildung war praxisorientiert, aber nicht nur. Wir haben aber auch sehr lange studiert (7-8 Jahre). Mittlerweile ist die Praxisorientierung meines Wissens auch in Österreich auf den meisten Unis weniger geworden.

Woher genau kommt eigentlich der Name AllesWirdGut?

alleswirdgut: Wir haben schon bei unserer Tätigkeit in Büros, während des Studiums, mitbekommen, dass der Architektenberuf mit sehr viel Druck, Stress, Frust usw. verbunden ist und wollten uns selbst und allen anderen Beteiligten von vorne herein Mut zusprechen und Optimismus ausdrücken.

Viele eurer Projekte sind aus Wettbewerben entstanden. Ihr habt viele erste und zweite Preise gewonnen. Würdet ihr euch als ein typisches Wettbewerbsbüro bezeichnen?

alleswirdgut: Wir hätten gerne mehr Direktaufträge. Der Akquisitionsaufwand über Wettbewerbe ist sehr groß und damit auch sehr teuer. Mittlerweile werden aber auch schon kleine und mittelgroße Projekte fast nur noch über Wettbewerbe vergeben. Die Auftraggeber bekommen bei einem Wettbewerbsverfahren für sehr wenig Geld eine riesige Leistung. Dass sich das auszahlt haben inzwischen wohl fast alle gemerkt…

Wir sind kein typisches Wettbewerbsbüro. Es gibt aber kaum andere Möglichkeiten der Akquisition.

Ihr habt 2007 zusammen mit dem Architekturbüro feld72 an einem Wettbewerb für die adidas Bürozentrale in Herzogenaurach (D) gearbeitet und den ersten Platz gemacht. Es wird jedoch ein anderer Entwurf realisiert. Woran liegt das?

alleswirdgut: Die Jury hat zwei Arbeiten ex-eaquo erstgereiht. Der Vorstand von adidas hat sich dann für die Konkurrenten entschieden – Kadawittfeldarchitektur – ein sehr renommiertes und gutes Büro mit einer großen und etablierten Struktur, auch in Deutschland.

Das Büro feld72 hat einen ähnlichen Background wie AllesWirdGut. Die Gründungsmitglieder des noch jungen Büros waren ebenfalls Kommilitonen, die nach ihrem Abschluss ein eigenes Büro gründeten. Schon 2005 gab es eine Zusammenarbeit mit feld72 für das Landesamtsgebäude Niederösterreichs in Krems, welches in diesem Jahr fertiggestellt wurde. Wie kam es zur Zusammenarbeit der beiden Büros?

alleswirdgut: Wir sind seit Jahren mit feld72 gut befreundet. Wir kannten uns schon vor der Gründung der jeweiligen Büros. – Studium an der TU Wien, Auslandserfahrung in Holland, teilweise Südtiroler Wurzeln. – Da gab es einige Berührungspunkte. Außerdem schätzen wir uns gegenseitig sehr und kombinieren unsere jeweiligen Kapazitäten, wenn eine Projektgrößenordnung das ermöglicht oder sinnvoll erscheinen lässt.

Eure Projekte bewegen sich in sehr unterschiedlichen Maßstäben und Kontexten. Wie wird festgelegt, wer wann an welcher Aufgabe arbeitet? Gibt es Vorlieben oder Spezialisten für bestimmte Bauvorhaben?

alleswirdgut: Nein. Weder Vorlieben, noch Spezialisten. Alle machen alles. Wir stehen im Arbeitsprozess intensiv in Kontakt miteinander und tauschen so die Erfahrungen aus.

Manchmal entstehen sehr experimentelle Konzepte, die nicht nachfrageorientiert sind, sondern den Nutzer Architektur mal ganz anders erfahren lassen. „turnOn“ ist eure international bekannteste  Arbeit,  bei der es sich, einfach gesagt, um ein übergroßes Hamsterrad für Menschen handelt.

Eigentlich als kritische Message gedacht, werden die 14 Meter Minimal-lebensraum oft sehr positiv angenommen. Wie ist die Idee vom Rad des Lebens entstanden? Und welchen Denkanstoß wolltet ihr damit eigentlich geben?

alleswirdgut: „turnOn“ versteht sich als Karikatur festgefahrener Denkweisen und als Provokateur in der Architekturszene. Verarbeitet wurden in diesem Projekt Themen, die uns bereits während unserer eigenen Studienzeit besonders intensiv interessiert hatten: flexibler Raum, minimale Wohneinheit, mobile Architektur, Vorfertigung, Serienproduktion…

Viele der Entwürfe sind aus ganz pragmatischen Ideen heraus entstanden. Beginnt der Planungsprozess immer mit grundlegenden Entscheidungen und Regeln? Manchmal hat man ja direkt ein bestimmtes Image im Kopf. Ist das gut oder eher hinderlich?

alleswirdgut: Wir versuchen bewusst ein Image in den Hintergrund zu drängen und uns ausschließlich konzeptionell der Aufgabe zu nähern. Daraus entstehen dann auch gestalterische Entscheidungen.

Viele Köche verderben den Brei. Wie viele Architekten können gut miteinander kochen?

alleswirdgut: Das hängt von den Köchen ab. Grundvoraussetzung ist gegenseitige Wertschätzung und Offenheit in der Diskussion.

Von welchen Architekten habt ihr selbst viel gelernt?

alleswirdgut: Rem Koolhaas, Jean Nouvel, Neutelings Riedijk Architects, Alsop Architects, Futuresystems, Mansilla & Tunon, um nur einige zu nennen.

Dauert es im deutschsprachigen Raum lange, sich als junges Büro gegenüber den alten Hasen zu etablieren?

alleswirdgut: Bei mittelgroßen und großen Bauvorhaben offensichtlich schon.

Ihr habt euren Werkbericht auch als liebevoll gestaltetes Buch herausgegeben. Wo kann es erworben werden?

alleswirdgut: Jederzeit direkt per Mail bei uns im Büro und in ausgewählten Architekturbuchhandlungen.

Was möchtet ihr uns, den jungen Architektinnen und Architekten von morgen mit auf den Weg geben?

alleswirdgut: Nur Mut und viel Spaß!


ZIV – Zivilschutzzentrum Innichen

Für das Zivilschutzzentrum in Innichen (I), dass 2008 eröffnet wurde, erhielt AllesWirdGut die besondere Auszeichnung „best architects 11“ in gold. – Ein Gütesiegel für herausragende Leistung innerhalb der deutschsprachigen Architekturszene.

Der längliche Baukörper liegt am Ortsrand der südtiroler Gemeinde und beherbergt die freiwillige Feuerwehr, das weiße Kreuz, sowie den Bergrettungsdienst.

Schon auf den ersten Blick wirkt die liegende Form in der bergigen Landschaft auf mich gleichsam ästhetisch und natürlich. Das zurückgenommene Gebäude ist mir spontan sympathisch; seine Form lässt eine zweckmäßige Ausrichtung vermuten und auch die Erhöhung wirkt glaubhaft  und funktional begründet. – Der Übungsturm der Feuerwehr, wie sich für mich später herausstellt.

Die große bauliche Masse, die die zersiedelte Struktur Umgebung um ein zehnfaches übersteigt, wird elegant in die vorhandene Topographie, einen Hang, überführt und wird somit Teil der Landschaft.

Die horizontale Ausrichtung des flachen Baukörpers, die sich sogar in der Fassadenverkleidung wiederspiegelt, scheint die natürlichste Antwort der Welt auf die Weiten der bergigen Landschaft zu sein. – Ein Gebäude, das durch seine Sachlichkeit und das Selbstverständnis im Umgang mit seiner Umgebung besticht!

© Hertha Hurnaus

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ROM – Festspielgelände im Römersteinbruch St. Margarethen

Die Ausgangslage des Freilichttheaters in St. Margarethen (A) besticht durch die gewaltige Kulisse einer steilen Felswand, entstanden durch weit zurückliegenden Ressourcenabbau.

In dem 2005 ausgeschriebenen Wettbewerb zur Neugestaltung des Festspielgeländes, sahen AllesWirdGut eine Chance, sämtliche Bestandteile des Theaters in die gewaltige Felskulisse zu integrieren und diese für den Besucher erlebbar zu machen.

Statt die Gäste, wie bisher, unmittelbar von den Parkplätzen  zur Spielstätte zu führen, funktioniert die Zuwegung nun über eine 330m lange, aufgeständerte Rampe, auf der die räumlichen Qualitäten der Felslandschaft erlebbar gemacht werden.

Die klare Formsprache der neu entstandenen Servicegebäude und der skulpturalen Rampe mit ihren rostenden Stahlplatten steht dabei im spannenden Kontrast zur Topographie.

Beim Betrachten der Bilder möchte man eigentlich nur eins: Selbst auf der Rampe stehen, in die Schluchten blicken, die Weite des Raums spüren, die Natur und die Architektur hautnah erleben. Da könnte es  fast passieren, dass dabei das Schauspiel zur Nebensache wird…

© Hertha Hurnaus

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