. .

Die dritte Generation, junge Architekten in Graubünden.

Es gibt mittlerweile drei Generationen guter Architekten in Graubünden. Die erste verkörpert vor allem Peter Zumthor und sein Werk. In der zweiten Generation finden sich dann Bearth&Deplazes, Jüngling+Hagmann, Clavuot und andere. In den letzten Jahren haben eine Reihe langjähriger Mitarbeiter aus diesen Büros den Weg in die Selbständigkeit gewählt. Norbert Mathis (nm) ist einer von ihnen. Das Emailinterview führte Jan Thiele (jt).

jt: Worin unterscheidet ihr jungen Architekten euch von denen der ersten und zweiten Generation?

nm: Ich denke, weil wir wieder etwa 10 Jahre jünger sind, liegt uns eine ganze Bandbreite von wichtigen Komponenten neben der Architektur am Herzen; denn – so glaube ich – nur für viel, viel Geld ganz, ganz schön zu bauen ist nicht so eine große Kunst! (vielleicht etwas provokativ gesagt). Wichtig scheinen auch Aspekte der Nachhaltigkeit, Energie, Integration der Bauherren in den Entstehungsprozess, “Gute Stimmung während des Planens und auch Bauens”

jt: Wie gehst Du damit um, wenn die Bauleute andere Vorstellungen haben, als Du?

nm: In der Regel höre ich den Bauherren zu und warte dann ab. Meistens fördert das irgendeinen Effekt oder eine Idee zu Tage, auf welche ich alleine nicht gekommen wäre und daher ist das gut so….

jt: …und wenn der Prozess anstrengend wird und das Geld nicht zu reichen scheint?

nm: Dann ist ein Höchtsmaß an Flexibilität gefordert.

jt: Nochmal zurück zum Anfang. Was hat dich geprägt und beeinflusst in deiner Herangehensweise ans Entwerfen und an Architektur? Hattest Du Vorbilder, gute Lehrer?

In der Folge meine Arbeitgeber / Lehrmeister und Professoren:

1986-90: Urs Zinsli: Eine Prise Ehrlichkeit in der Architektur (als Auszubildender Hochbauzeichner

1991-96: H.P. Menn: Um konstruktiv richtig zu bauen (als Hochbauzeichner und Architekturstudent; während des Studiums auch von C. Wagner /  W. Schmidt / A. Deplazes)

1996-06: C. Clavuot: Plus die architektonische Komponente (als angestellter Architekt)

2006 bis: N. Mathis: oben Erwähntes integrativ jeweils neu entstehen lassen.

jt: Wieso hast Du Dich für den Sprung in die Selbstständigkeit entschieden und wie hast Du ihn geschafft?

nm: Weil ich die Dinge gerne selbst in die Hand nehme. Seit 2005 unterrichte ich an der HTW und konnte parallel dazu das Büro gut aufbauen.

jt: Womit hattest Du in der ersten Zeit am meisten zu kämpfen?

nm: Dass ich die Architekturofferten oft zu tief angesetzt habe!

jt: Welche Rolle spielen für Dich Wettbewerbe?

nm: Wenn es denn sein muss ?…nein ehrlich, es ist hin und wieder interessant, aber lieber habe ich natürlich Direktaufträge.

jt: Wie bekommst Du Aufträge?

nm: Das frage ich mich manchmal auch… keine Ahnung wie hier die Kanäle verlaufen.

jt: Welche Aufgaben findest Du besonders interessant?

nm: Alle Aufgaben sind auf ihre Art interessant, da möchte ich nicht werten… am liebsten würde ich ein Boot oder ein Flugzeug bauen.

jt: Jeder geht beim Entwerfen anders vor. Wie gehst Du an eine neue Planungsaufgabe heran?

nm: Mit einer Mischung aus Fühlen und Handeln würde ich sagen… etwas zwischen Kunst und Wissenschaft… wenn es nur so einfach zu beschreiben wäre… Einerseits geht es darum, Rahmenbedingungen zu (er)kennen, aber gleichzeitig versuche ich, frei zu sein von den straffen Zwängen der Aufgabe. In der Regel versuche ich, nicht zu viel zu denken, sondern einfach zu handeln, instinktiv…

jt: Wie strukturierst Du deinen Planungsprozess und wie setzt Du Prioritäten für Tagesaufgaben?

nm: Meistens gehe ich morgens im Bett im Geist die Stationen des Tages durch. Denn was mental einmal gesehen wurde, funktioniert in der Realität besser. Oft setze ich mich künstlich unter (Zeit) -Druck, wenn ich mich nicht allzu lange mit einem Thema beschäftigen will… und dann rauscht meistens eine gute Lösung herbei.

jt: Viele Büros arbeiten mit Renderings und CAD-Plänen mit fein abgestimmten Linienbreiten. Du hingegen bleibst sogar beim Zusammenstellen von Ausschreibungen viel bei Handzeichnungen (Detailskizzen, Perspektiven, Bauteilaxonometrien, …), auf deren Grundlage dann auch gebaut wird. Wie kommt es, dass Du scheinbar anachronistisch mit Handskizzen und „groben“ CAD-Plänen arbeitest?

nm: Weil es mich einfach nicht interessiert, diese Layerstrukturen etc. und weil viele Dinge von Hand besser und schneller gehen. Außerdem habe ich die Architektur und den Bauprozess im Auge und nicht etwa die vorübergehenden Pläne. Es wäre, wie wenn wir über die Farbe des Staubsaugerkabels sprechen würden, wichtig ist jedoch die Schmutzentfernung in vernünftiger Zeit.

jt: Wo siehst Du Zukunftsaufgaben für Dich und die nach dir kommenden Architekten?

nm: Die Dinge so gut, schön und intelligent zu bauen wie möglich, für uns und unsere Nachfahren!

jt: Du hast vorhin erwähnt, dass Du an der HTW in Chur Baukonstruktion unterrichtest. Was gibst Du deinen Studierenden mit auf den Weg?

nm: Nicht zu viel lesen! …hauptsächlich schauen, probieren, tüfteln, skizzieren, beobachten, reflektieren, handeln…

jt: Was würdest Du gern noch ergänzen?

nm: Ein persönlicher Tipp an junge Studenten/Absolventen: versucht Euren eigenen Weg zu finden und ihn konsequent zu gehen. Schaut nicht zu viel in der Literatur nach, hört eher auf das Rauschen der Blätter im Wald, schaut zu, wie der Schnee fällt und erfreut euch der gebauten Natur. Beobachtet wie Wasser zu Eis wird… und horcht den Klängen der Stille…

Die Fragen stellte Jan Thiele nach drei Monaten Mitarbeit bei Norbert Mathis. Der Interviewpartner Norbert Mathis (www.norbertmathis.ch) ist seit 2006 selbstständiger Architekt in Trin im Kanton Graubünden (Schweiz). Auf die Fragen antwortete er am 10.12. und 16.12.2010.

  • Facebook
  • Twitter
  • Print
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • Digg
  • Wikio
  • Google Bookmarks

Ähnliche Artikel

Autoreninfo

Jan-Hendrik Thiele.
Weitere Artikel der Autorin oder des Autors werden nach einem Klick auf den entsprechenden Namen angezeigt.

Kommentieren

XHTML: Du kannst diese Befehle nutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>